Alexandru Dragomir: The World We Live In

The World We Live In Book Cover The World We Live In
Phaenomenologica, 220
Alexandru Dragomir, Gabriel Liiceanu (Ed.) & Catalin Partenie (Ed.)
Springer International Publishing
2017
xiii + 167

Reviewed by: Corinna Lagemann (Freie Universität Berlin)

Bei dem Band The World We Live In, herausgegeben von Gabriel Liiceanu und Catalin Partenie, handelt es sich um eine posthum erschienene Sammlung von Aufsätzen, Vorlesungsmitschriften und Textrekonstruktionen des rumänischen Phänomenologen Alexandru Dragomir (1916 – 2002), dem Zeit seines Lebens aufgrund widriger Umstände die verdiente Aufmerksamkeit verwehrt blieb und der bis zu seinem Tod nicht einen einzigen Text veröffentlichte.

Vor diesem Hintergrund besticht der vorliegende Band bereits durch seine Methode und seinen Aufbau: einem recht ausführlichen biographischen Teil, der etwa ein Drittel des schmalen Buches ausmacht, folgt die in drei Sektionen gegliederte Sammlung von Aufsätzen, wobei die Aufsätze in sehr unterschiedlicher Form vorliegen. Jedem Text geht eine kurze Erläuterung seiner Herkunft und Bearbeitungsweise voraus, und so finden sich Rekonstruktionen aus Vorlesungsmitschriften, Transkripte von Tonbandaufnahmen und allerlei fragmentarisches Material, das nach bestem Wissen und Gewissen und sehr akribisch und präzise angefertigt wurde.

Die Herausgeber äußern sich zur Methode und zum Status des Werks wie folgt:

 „The present volume brings together all that has been preserved of these lectures and that could serve as raw material for subsequent working up. By working up, we mean that neither the existing notes, nor the audio recordings have been reproduced exactly“ (ix)

Vielmehr ist man um eine verständliche Darstellung bemüht, als um die ganz exakte Rekonstruktion des vorliegenden Materials.

Der ausführliche biographische Teil gibt Aufschluss darüber, wie es zu Dragomirs hohem Stellenwert in der phänomenologischen Theoriebildung und seiner regen Unterrichtstätigkeit gänzlich ohne Publikationen kam, und weshalb er trotzdem so wenig wahrgenommen wurde und bis heute wird.

Dragomir wird als brillanter Schüler Heideggers dargestellt, als Denker nach Heideggers Vorbild, der das Denken weit höher bewertet als das Schreiben, dem aber der zweite Weltkrieg und die enge Verbundenheit mit Martin Heidegger zum Verhängnis wird. Der zweite Weltkrieg wird hier als zentrales Ereignis beschrieben, welches Dragomirs Karriere beendete, bevor sie wirklich begonnen hatte.

So äußern sich denn auch die Herausgeber:

„As I write today for the first time about Alexandru Dragomir, I am inclined to explain him as the product of a microclimate of history, a cultural ab-erration, a ‘wandering’, a derivation from the mould in which culture takes shape in normal ages and worlds.“ (S.12)

Besondere Beachtung finden die Notizbücher Dragomirs, die 2002 gefunden wurden, aus denen ein Schwerpunkt seines Denkens hervorgeht: geprägt durch Heidegger beschäftigte sich Dragomir intensiv mit der Frage nach der Zeit; diesem Nachlass widmet sich bereits ein Band mit dem Titel Chronos. Bei aller Nähe zu Heidegger darf aber Dragomirs Kritik an seinem Lehrer nicht verschwiegen werden: Heidegger habe die Frage nach der Zeit nicht beantwortet; so fügt er der Zeit noch weitere Strukturmomente hinzu, die bei Heidegger unterbelichtet bleiben und die die Rede von der Zeit weiter ausdifferenzieren. Nicht nur präzisiert er den Begriff des ‘Jetzt’, er beschreibt auch die Struktur des Zukünftigen präziser als Heidegger es getan hat, indem er den Entwurfscharakter des Daseins als ein Zusammenspiel von tatsächlichen Möglichkeiten, Plänen sowie Träumen und Phantasien beschreibt, wie im Folgenden weiter ausgeführt wird. Die Abhandlung über die Zeit verdient es also sicherlich ebenfalls, neu entdeckt und rezipiert zu werden.

Der Aufsatzteil ist in zwei große Abschnitte gegliedert. Der erste widmet sich analytischen Fragen, immer mit großer Nähe zur griechischen Antike. So findet sich eine Abhandlung über Frage und Antwort, den sokratischen Dialog und die Frage, was eigentlich Wissen bedeutet, welches Wissen möglich ist, etc. In seiner Nähe zu Sokrates – „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ – manifestiert sich erneut Dragomirs Auffassung, dass das reine Denken dem Schreiben überlegen sei. Dieser Standpunkt zieht sich durch alle Beiträge.

Der zweite Text, die Transkription eines Vortrags vom September 1987, beschäftigt sich mit Fragen der Selbsttäuschung und greift die wesentlichen Schwerpunkte Dragomirs’ Schaffen auf: es geht um Zeit; um die Selbsttäuschung aufgrund von Träumen, Erinnerungen, Vorstellungen von Zukünftigem, um Selbstbilder und darum, wie diese korrumpiert werden können. Die Grundlage seiner Überlegungen bildet Heideggers Begriff vom Seinkönnen, die Idee, dass wir uns selbst auf Basis von Projektionen, Wünschen, Vorstellungen, aber auch von bereits Erlebtem selbst entwerfen. Dragomirs entscheidende Pointe besteht in der Idee eines Spielraums, „a space that is not yet occupied by anything, a niche of the possible in which we can install ourselves and freely settle into one direction or another of our lives“ (S.45). In diesem Spielraum liegt die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden, anders ‘abzubiegen’, als die Projektionen und Vorstellungen es vorgeben und gleichzeitig das große Potential der Selbsttäuschung. Hier liegt nämlich der Punkt, an dem Selbstbild und tatsächliches Selbst sich voneinander trennen. Indem dieser Text die wesentlichen Punkte aus Dragomirs Konzeption verbindet – das Wissen um das eigene Nicht-Wissen sowie großartige Einsichten ins Wesen der Zeit und in die Lücken in Heideggers Zeitanalyse – kann er als einer der zentralen Texte des Bandes angesehen werden.

Die darauf folgenden Beiträge behandeln Raum und Zeit in ihren unterschiedlichen Facetten. Nach den phänomenologischen Betrachtungen von Raum und Zeit im menschlichen Selbstverhältnis geht es um die Konstitution von Lebenswelt („Utter Metaphysical Banalities“), um geographische und politische Räume („Nations“) sowie um die Transzendenz und Selbstüberschätzung des Menschen, der das Maß für sich selbst verliert. Der Text behandelt den Menschen in seiner Sozialität sowie sein Verhältnis zum Göttlichen und zur Natur und die Möglichkeit, dass diese Bezüge sich als nicht haltbar erweisen und sich die Suche nach dem Sinn als aussichtslos erweist. Auch hier zeigt sich die große Nähe zu Heidegger.

Insgesamt zeigt dieser erste Abschnitt eine Bewegung vom Kleinen ins Große, vom individuellen Menschen in seinem Selbstverhältnis hin zum Weltverhältnis, zur Umgebung und darüber hinaus, immer mit deutlichem Bezug zu Heidegger und zur griechischen Antike, sowie zur Verbindung zwischen Sokrates und der phänomenologischen Theoriebildung des 20. Jahrhunderts. In dieser Verknüpfung und dem sinnvollen Aufbau liegt der besondere Verdienst nicht nur des unterrepräsentierten Denkers Dragomir, sondern auch der sorgfältigen Herausgeberschaft Liiceanus und Catalins.

Der zweite Teil des Aufsatzteils basiert auf einer Vorlesungsreihe zu Platons Apologie und beschäftigt sich dementsprechend schwerpunktmäßig mit der Person Sokrates und mit seiner Philosophie und seinen Methoden. Den Aufsätzen ist ein ausführlicher Teil zu den Quellen der Methode ihrer Aufbereitung vorangestellt.

Die Aufsätze selbst behandeln neben den historischen Betrachtungen die großen Fragen der Philosophie; die Nähe Dragomirs zu Heidegger scheint immer wieder durch. Diese wird beispielsweise dort offenkundig, wo er die Philosophie mit der Stadt kontrastiert, wobei die Stadt als Ort der öffentlichen Meinung und damit in direkter Nähe zu Heideggers Man verstanden wird. Außerdem werden die Themen des guten Lebens, des Wissens sowie einige logische Betrachtungen und die sokratische Methode erörtert.

Der letzte Abschnitt dieses zweiten Teils ist der titelgebende Text „The World We Live In“, der auf einer Vortragsreihe gründet, die Dragomir im Zeitraum von September 1986 bis Mai 1988 gab. Inhaltlicher Schwerpunkt dieses Textes ist eine Technik- und Wissenschaftskritik, die stark an Heidegger anschließt. Ausgangspunkt der Überlegungen bildet ein Nietzsche-Zitat, in dem es um die Entfremdung des Menschen von seinen Grundinstinkten geht, welche die Lebenswelt und die Gesellschaft seiner Zeit charakterisiere. Ein Problem der Menschen sei, dass sie sich im Zuge der fortschreitenden Abstraktion zu sehr von sich selbst und ihren Bedürfnissen entfernen und sich die Welt dementsprechend einrichten. Ausgehend von dieser Bestandsaufnahme untersucht Dragomir die Begriffe des Denkens, Wissens und der Wissenschaft nach Aristoteles; auch hier wird wieder ein starker Schwerpunkt auf das Denken im Unterschied zu Wissen und Technologie gelegt. Nur der denkende Mensch könne frei und autonom sein, so betont Dragomir, und begründet damit seine Kritik an der gegenwärtigen hoch technisierten Kultur, die den Menschen von seinem Menschsein und seinen Möglichkeiten entfremde.

Insgesamt gelingt mit The World We Live In ein sehr konziser und informativer Einblick in das Schaffen eines zu Unrecht vernachlässigten Philosophen der jüngeren Geschichte. Neben wertvollen historischen Einsichten vermittelt der Band spannende philosophische Gedankengänge, die gleichzeitig zentrale phänomenologische Begriffe des 20. Jahrhunderts weiterdenken, die Verbindung zu anderen Positionen vermitteln und ein interessantes Licht insbesondere auf Martin Heideggers Schaffen werfen.

Den Herausgebern gelingt ein sehr empfehlenswertes Buch, das sowohl für den interessierten Laien geeignet ist als auch neue Einsichten für Kenner der aktuellen Forschungslage bereithält.

 

Hermann Schmitz: Zur Epigenese der Person

Zur Epigenese der Person Book Cover Zur Epigenese der Person
Hermann Schmitz
Verlag Karl Alber
2017
Paperback 29,00 €
168

Reviewed by: Corinna Lagemann (Freie Universität Berlin)

Der Kieler Phänomenologe Hermann Schmitz befasst sich seit den 60er Jahren mit einer umfassenden Würdigung und Kritik der traditionellen phänomenologischen Theoriebildung. Das umfangreiche Kernstück und gleichzeitig die Basis seines Schaffens ist das fünfbändige System der Philosophie, welches seine gesamte Konzeption umfasst.

Eine der wichtigsten Säulen seiner Theorie ist die Leiblichkeit. Der Leib, verstanden als das, was der Mensch in der Gegend seines sicht- und tastbaren Körpers spürt, bildet die Grundlage für Subjektivität, für die Konstitution von Eigen- und Fremdwelt, für die Erfahrung von Zeit und Raum und damit auch für die Genese der Person. Der Begriff der Person stellt eine weitere zentrale Größe in Schmitz’ Werk dar. Personalität zeichnet sich durch die Fähigkeit aus, etwas für sich selbst zu halten und sich bei gleichzeitiger leiblicher Verwurzelung im Hier und Jetzt aus den unmittelbaren Bezügen zu lösen.

Schmitz selbst formuliert dies in diesem Band wie folgt:

“Der Bewussthaber beginnt mit Sichspüren durch affektives Betroffensein in bloßer absoluter Identität, gefangen in Situationen, von deren Nomos er geführt wird, und befreit sich dann mit Hilfe satzförmiger Rede aus dieser Gefangenschaft, indem er sich durch Vereinzelung und Neutralisierung zur Person erhebt, die mit persönlichen Stellungnahmen in die Welt eingreift, dabei aber weder von den Situationen loskommt, aus denen sie Konstellationen schöpfen muss, noch vom affektiven Betroffensein, mit dem sie ihr Personsein und sogar ihre absolute Identität verlöre.” (S.136)

Im vorliegenden Band Zur Epigenese der Person (Karl Alber Verlag 2017) geht es um eben dieses Konzept. Es handelt sich dabei nicht um eine Monographie, sondern um eine Sammlung von einschlägigen Aufsätzen, die in den Jahren 2015 und 2016, oftmals in Form von Vortragsmanuskripten, entstanden sind. Das Buch besteht aus 9 Aufsätzen, die zwar prinzipiell voneinander unabhängig sind und die sich in Teilaspekten wiederholen, allerdings liegt hier keine zufällige Ansammlung von Texten vor, sondern die Aufsätze folgen einer Systematik, die im Begriff der Person selbst begründet liegt.

Damit beschreibt der erste Aufsatz mit dem Titel “Der Aufbau der Person” nicht nur genau diesen (nämlich den Aufbau der Person), sondern liefert gleichzeitig den roten Faden durch den gesamten Band. In diesem Text wird die Konstitution der Person geschildert, angefangen beim affektiven Betroffensein, in welchem der Mensch sich selbst spürt, jedoch noch ohne Möglichkeit der Distanzierung. Darauf aufbauend beschreibt Schmitz den Einsatz der leiblichen Dynamik, d.i. die individuelle Auseinandersetzung mit diesem Betroffensein, die sich in leibliche Kommunikation ausweitet, d.h. auf die Umgebung ausgedehnt wird. Daraus, so Schmitz, ergeben sich Situationen, in denen sich der Mensch befindet; Ganzheitliche Mannigfaltigkeiten, die durch binnendiffuse Bedeutsamkeit zusammengehalten werden, d.h. durch Sachverhalte, Programme und Probleme, die – und hier erfolgt der Übergang zur Personalität – durch die segmentierende satzförmige Rede abstrahierend vereinzelt werden können. Damit ist eine Distanz vom rein leiblichen präpersonalen Geschehen gegeben, welche der Person zu eigen ist.

In den folgenden Aufsätzen werden dementsprechend zunächst das präpersonale leibimmanente Geschehen von Engung und Weitung verhandelt (Kap. 2 “Enge und Weite”) und daran anschließend die Ausweitung der leiblichen Dynamik auf die Umgebung (Kap. 3 “Leib und leibliche Kommunikation”).

Die folgenden Kapitel dienen der Einführung der sogenannten Halbdinge, die quasi als Brücke von der leiblichen Dynamik zu leibexternen Gegenständen dienen; Phänomene, die sich gemäß Schmitz’ Theorie von Volldingen durch ihre unterbrechbare Dauer und ihre unmittelbare Kausalität unterscheiden (Vgl. S.84). Sie verfügen über eine unbezweifelbare, oftmals objektiv spürbare Präsenz, ohne dass man sie als konkrete Gegenstände dingfest machen könnte. Beispiele sind der Wind, Musik, aber auch Schmerz, atmosphärische Gefühle und Probleme, die einen nicht loslassen. Im 4. Kapitel des Bandes wird exemplarisch der Schmerz verhandelt. Schmerz stellt im leiblichen Geschehen einen Konflikt dar, er ist insofern ein Stück weit dem reinen präpersonalen leiblichen Geschehen enthoben, als er eine Konfrontation, eine Auseinandersetzung erzwingt. Dem Schmerz kann man sich nicht indifferent hingeben und darin aufgehen.

Auch im 5. Kapitel “Schall und Farbe” geht es um Halbdinge, die auf unterschiedliche Arten die leibliche Dynamik involvieren und bestimmte Arten der leiblichen Kommunikation bzw. der Einleibung darstellen und somit über den eigenen Leib hinausweisen. Hier unterscheidet Schmitz die aktivischen Eigenschaften des Schalls, der als Widerfahrnis auf den Leib einwirkt von den eher statisch-passiven Qualitäten der Farbe.

Das 6. Kapitel “Sucht als habituelle Fixierung durch einseitige Einleibung” stellt innerhalb des Bandes gewissermaßen eine Scharnierstelle dar. Obgleich Hermann Schmitz gleich eingangs seine Abneigung gegen dieses Thema betont (er hält sich nicht für kompetent), gelingt ihm hier eine sehr spannende Annäherung an dieses Phänomen. Denn er widmet sich hier nicht den Abhängigkeiten nach Substanzen, sondern vielmehr nach bestimmten Verhaltensweisen. So beschäftigt er sich anschließend an Robert Gugutzer eingehend mit der Sportsucht. Schmitz definiert Sucht als “Fixierung des affektiven Betroffenseins an etwas, das den Betroffenen fesselt, an dem er hängt, von dem er nicht loskommt.” Dies sei eine Form der einseitigen Einleibung. Die Scharnierfunktion bezieht dieser Aufsatz daraus, dass er über den Begriff der einseitigen Einleibung die präpersonalen Themen mit den personalen eng verzahnt und damit einen Übergang zu den folgenden Texten schafft.

Die nächsten beiden Texte, Kap. 7 “Bewusstsein von etwas (Über Intentionalität)” und Kap. 8 “Geschichte als Herausforderung durch das Unerwartete” lösen sich das endgültig vom Leib und beschäftigen sich zum Einen mit einer Kritik der traditionellen Phänomenologie, insbesondere mit Husserls Begriff der Intentionalität, desweiteren werden hier Konzepte von Raum und Zeit verhandelt, die deutlich dem personalen Bereich zuzuordnen sind, da sie weit über das leibliche Geschehen hinausreichen.

Der letzte Text nun, “Praxis in der Sicht der Neuen Phänomenologie”, widmet sich dem menschlichen Bereich des willentlichen Handelns, welches sich von der bloßen leiblichen Aktivität des Tieres (und des Menschen auf präpersonaler Ebene) unterscheidet. Hier spielen Themen wie Konstruktion, Werkzeuggebrauch und Begriffe wie Weltbildung und -gestaltung eine Rolle, zu denen der Mensch als personal entwickeltes, mit freiem Willen und Abstraktionsvermögen ausgestattetes Wesen in der Lage ist.

Der Band richtet sich an Leser, die mit Hermann Schmitz’ Neuer Phänomenologie vertraut sind. Die Texte sind in Schmitz’ sehr eigener Terminologie verfasst, beziehen sich in hohem Maße auf seine eigenen früheren Schriften und es gibt keine Einführung in die Begrifflichkeiten, die bei Schmitz recht originell verwendet werden und teilweise von ihm selbst entwickelt wurden.

Für Kenner des Schmitz’schen Theoriegebäudes ist dieses Buch sehr hilfreich, bietet es doch eine neue werkimmanente Aufbereitung eines zentralen Themas.

Lobend zu erwähnen ist neben dem klaren systematischen Aufbau das sehr gute und umfassende Register, das die weitere Recherche innerhalb seines umfangreichen Systems vereinfacht.

Auf den ersten Blick mag man die vielen Wiederholungen insbesondere der Leibthematik als störend empfinden. Allerdings bleibt dies nicht aus, will man den Begriff der Person von allen Seiten umfassend beleuchten; außerdem sei daran erinnert, dass es sich um eine Sammlung von Aufsätzen handelt, die unabhängig voneinander entstanden sind und jeder für sich dieses Thema in berechtigter Art und Weise behandelt.

 

Hermann Schmitz: Ausgrabungen zum wirklichen Leben. Eine Bilanz

Ausgrabungen zum wirklichen Leben. Eine Bilanz. Book Cover Ausgrabungen zum wirklichen Leben. Eine Bilanz.
Hermann Schmitz
Karl Alber Verlag
2016
400

[en:]Reviewed by: Corinna Lagemann (Freie Universität Berlin)Rezension von: Corinna Lagemann (Freie Universität Berlin)

Der Kieler Philosoph Hermann Schmitz (geb. 1928 in Leipzig) nimmt sicherlich eine besondere Rolle in der Theoriebildung des 20. Jahrhunderts, insbesondere in der Phänomenologie ein. Angetreten in den späten 50. Jahren mit dem ausdrücklichen Ziel “den Menschen ihr wirkliches Leben begreiflich zu machen”, d.h. “nach Abbau geschichtlich geprägter Verkünstelungen die unwillkürliche Lebenserfahrung zusammenhängender Besinnung zugänglich zu machen”[i], blickt er nun auf ein reiches Werk von über 50 Monographien sowie über 150 Aufsätzen zurück. Als Ausgangspunkt für sein Schaffen nennt Schmitz immer wieder die Auswirkungen eines verhängnisvollen Paradigmenwechsels des menschlichen Welt- und Selbstverständnisses, den er in der griechischen Antike verortet und der in den noch heute teilweise vorherrschenden Leib-Seele-Dualismus geführt habe. Sein umfangreiches, teilweise schwer zugängliches Werk darf man als Projekt verstehen, mit diesen Auswirkungen aufzuräumen; hier sieht Schmitz ein entscheidendes Versäumnis der Phänomenologie, in deren direkter Nachfolge er sich sieht; er ist der Begründer der sogenannten Neuen Phänomenologie.

Das Ziel des vorliegenden Bandes ist es, so Schmitz, “einige Fronten aufzuzeigen, an denen sich mein Kampf gegen die überlieferten Verkrustungen vermeintlicher Selbstverständlichkeit abspielt, um die wichtigsten Stoßrichtungen meiner Ausgrabungen zum wirklichen Leben zu markieren”[ii]. Durch die angemessenen Verbesserungen und Präzisierungen verschiedener Punkte möge das Buch auch für Kenner des Frühwerks ergiebig sein; gleichzeitig beansprucht Schmitz, dass es eingängig sei und sich damit auch für neue Leser seiner Theorie eigne.

Im Verlauf seines Werks haben sich seit den sechziger Jahren vier Hauptlinien seiner Theorie herauskristallisiert, denen jeweils ein Hauptkapitel des Bandes gewidmet ist. Somit erfolgt eine Rekonstruktion und eine kritische Revision des Gesamtwerks entlang seiner Hauptachsen.

Die ersten beiden Kapitel – Subjektivität und Mannigfaltigkeit – stehen sachlich in einem engen Verhältnis; so ist das Kapitel zur Subjektivität auch sehr kurz gehalten. Es handelt sich um eines der frühesten und fundamentalen Konzepte des Schmitzschen Theoriegebäudes und mit Sicherheit auch um eines der komplexesten und am schwersten zugänglichen; so befasst sich der erste Band vom System der Philosophie (Die Gegenwart) (1964) mit diesem Thema. Hier wurden die meisten Korrekturen und Erneuerungen vorgenommen.  Mit seiner intuitiv nicht ganz eingängigen Rede von den verschiedenen Formen der Mannigfaltigkeit beschreibt Hermann Schmitz die unterschiedlichen Stadien des Erlebens gemäß ihres Abstraktionsgrads. Das Mannigfaltige ist das, was der Mensch vor der Individuation einzelner Gegenstände an und um sich selbst erfährt. So unterscheidet Schmitz das chaotische Mannigfaltige vom numerischen, wobei sich ersteres in diffus und konfus unterteilen lässt. Chaotische Mannigfaltigkeit ist ein Zustand ohne Identität und Verschiedenheit, d.h. ein reines gleichförmiges Durcheinander, innerhalb dessen der Mensch sich orientieren muss. Als Beispiel nennt Schmitz das Wasser, das einen Schwimmer umgibt oder den Zustand des Dösens, der die Umgebung verschwimmen lässt. Die Unterteilung in die Subtypen ‘konfus’ und ‘diffus’ wurde nach den Ausführungen im System vorgenommen; damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass es ein breites Spektrum dieser Art(en) von Mannigfaltigkeit gibt. So ist das Wasser, das den Schwimmer umgibt, homogen und entbehrt jeder Form von Identität und Verschiedenheit, was mit dem Begriff der konfusen Mannigfaltigkeit bezeichnet wird. Die spürbaren Körperbewegungen des Schwimmers, oder auch Kaubewegungen[iii] sind immer noch nicht vereinzelbar, jedoch verfügen diese über ein gewisses Maß an Verschiedenheit in der Form, dass sie sich spürbar vom Hintergrund abheben und bewusstgemacht werden können. Bei dem numerischen Mannigfaltigen – im Frühwerk zählbares Mannigfaltiges – handelt es sich um den (leibfernen) Bereich des Zählbaren und der Mathematik.

Allein durch die Unterteilung der chaotischen Mannigfaltigkeit in ihre Subtypen gewinnt die Analyse gegenüber der Ursprungsversion von 1964. Nach der Überwindung des erheblichen Lesewiderstands ermöglicht dieses Konzept eine genaue und treffende Beschreibung des Kontinuums menschlicher Verhaltungen, von den basalen Bewusstseinsschichten bis hin zu dem größtmöglichen Grad an Abstraktion.

Hier schließt die Theorie der Leiblichkeit an, eine weitere zentrale Säule in Schmitz’ Gesamtkonzeption, die im dritten Kapitel des Bandes entfaltet und umfassend gewürdigt wird. Im leiblichen Spüren liegt die Wurzel der Selbstzuschreibung, einem ersten rudimentären Selbstbewusstsein und die “Zündung der Subjektivität”. Über die identifizierbare Selbstzuschreibung, die im eigenleiblichen Spüren begründet liegt, können Identität und Verschiedenheit in die Mannigfaltigkeit gebracht werden, dergestalt, dass der Mensch (Schmitz: “Bewussthaber”) sich selbst als Zentrum seines Erlebens wahrnimmt und sich in der Welt verorten und sich zu ihr verhalten kann. Dies realisiert sich im affektiven Betroffensein (sic), wenn der Mensch etwas am eigenen Leibe spürt, sich ergriffen oder betroffen fühlt, “wenn der plötzliche Andrang des Neuen Dauer zerreißt, Gegenwart aus ihr abreißt und die zerrissene Dauer ins Vorbeisein entlässt (primitive Gegenwart (…)).”[iv] Hier wird bereits der zeitliche Aspekt von Leiblichkeit angedeutet, der in Schmitz’ Konzeption eine große Rolle spielt, in diesem Band allerdings erst im Zusammenhang mit Welt wieder aufgegriffen wird.

Die Leibkonzeption ist seit den Anfängen im zweiten Band des Systems (1965 und 66) weitgehend unverändert; im vorliegenden Band findet sich eine pointierte, gleichwohl umfassende Beschreibung der zentralen Begriffe (leibliche Dynamik, leibliche Kommunikation, etc.). Allein die Beispiele, die Schmitz wählt, etwa um die leibliche Dynamik zu charakterisieren, sind bisweilen problematisch und nicht ohne Weiteres nachvollziehbar. So ist etwa im Zusammenhang mit den leiblichen Regungen von der Angstlust die Rede, und von Menschen, die z.B. die Achterbahn als angsterregende Situation aufsuchen, um sexuelle Erregung zu spüren; auch die Erwähnung der mutmaßlich schmerzfreien Geburt ist im Zusammenhang mit der Gewichtsverschiebung im vitalen Antrieb fragwürdig. Hier beruft sich Schmitz auf den Mediziner G.D. Read und bescheinigt den „innerlich vollkommen vorbereiteten Frauen (…) nur sehr geringe oder gar keine Beschwerden“[v]. Allerdings hätten sie „ein gutes Stück schwerer Arbeit zu leisten. Ihr Ächzen und Stöhnen sei das eines Mannes, der mit Erfolg an einem Seil zieht “ (Ebd.). Diese Beschreibung ist ebenso spekulativ wie anmaßend und wird damit dem zu beschreibenden Aspekt nicht gerecht.

Im Zusammenhang mit der Leiblichkeit wird in einem extra Unterkapitel dem Bereich der Gefühle besondere Aufmerksamkeit geschenkt. In seiner Beschreibung der Gefühle als leiblich fundierte Atmosphären sieht Schmitz “ein jahrtausendealtes Missverständnis der Gefühle”[vi] überwunden, jenes Missverständnis nämlich, das die Gefühle einer privaten, unzugänglichen Innenwelt zuordnet. Indem er Gefühle als Atmosphären mit eigener räumlich-zeitlichen Struktur beschreibt, kann er sie als gleichsam in der Welt vorkommend, den Fühlenden übersteigend und intersubjektiv wirksame Mächte plausibel machen, die keinesfalls auf private Innenwelten beschränkt sein können. Sehr stark ist in diesem Kontext der Vergleich mit Wetter und Klima, ebenso wie seine sehr überzeugenden Beispiele, etwa die Wahnstimmung in der Schizophrenie, das Grauen, aber auch die Zufriedenheit und der ennui. Vor allem die Transformationsprozesse von reinen Stimmungen hin zu in einem bestimmten Gegenstand oder Sachverhalt zentrierten Gefühlen lassen sich so gut nachvollziehen.

Im vierten Kapitel öffnet sich der Fokus in Richtung Welt. Hermann Schmitz umreißt seinen Begriff der Welt als entfaltete Gegenwart, wie er dies in seinem Band Was ist die Welt? entwickelt hat; ein Konzept, das sich zwingend aus seiner Theorie ergibt und darin auch schon angelegt war, aber niemals explizit als ‘Welt’ dargelegt wurde. Die entfaltete Gegenwart ist gleichsam der Gegenbegriff zur bereits erwähnten primitiven Gegenwart. Stiftet diese nämlich im affektiven Betroffensein die Subjektivität, findet in der Entfaltung der Gegenwart nach Schmitz eine Abschälung jener Subjektivität statt und der Mensch gewinnt mehr und mehr Distanz zum Geschehen. Das Ergebnis der Entfaltung der Gegenwart ist die Welt: eine den Menschen übersteigende Ganzheit von Gegenständen, Sachverhalten und Möglichkeiten zur Vereinzelung. Dieses Konzept ergibt sich fast zwingend aus seinen bisherigen Überlegungen, expliziert wurde dieser Begriff erst kürzlich im Band Gibt es die Welt? (Alber 2014).

Der Band schließt mit einem vergleichsweise kurzen Kapitel zur Geistesgeschichte des Abendlandes ab; es schlägt den Bogen von dem heidnischen Altertum über das vorchristliche Jahrtausend hin zur Neuzeit. Dieses Kapitel kann als Rückblick auf die philosophiehistorischen Ausführungen verstanden werden, die Hermann Schmitz in verschiedenen Monographien, zuletzt in Der Weg der europäischen Philosophie (2009) ausführte. Gemessen an seinem inhaltlichen Umfang ist es mit 50 Seiten recht kurz und es schließt sachlich nicht an die vorangehenden Kapitel an. In den einleitenden Worten nennt Schmitz ‘Enthusiasmus und Melancholie’ als Triebfedern für dieses Kapitel, was einem bilanzierenden Alterswerk unbedingt zugestanden werden kann.

Was bleibt nun also als Bilanz? Die tatsächliche Überwindung der Mensch- und Weltspaltung? Die Relativierung eines einseitig akzentuierten Individualismus?[vii]

Immerhin kann man festhalten, dass Hermann Schmitz im Verlauf seines Werks ein entscheidender Beitrag zur phänomenologischen Forschung und auch zu zahlreichen anderen Disziplinen gelungen ist, für die seine (Wieder-)Entdeckung des Leibes und seine Auffassung der Gefühle als Atmosphären anschlussfähig und überaus fruchtbar waren, um nur zwei Beispiele herauszugreifen. So profitieren nicht nur Psychologie und Psychiatrie von seiner Theorie, auch für die Geographie, Sozial- und Rechtswissenschaften haben sich seine Analysen als anschlussfähig erwiesen. Mit den Ausgrabungen ist ein pointierter Rückblick auf ein äußerst ertragreiches Werk gelungen, der für Einsteiger und Kenner seines Werkes gleichermaßen empfehlenswert ist.

[i] Hermann Schmitz, Ausgrabungen zum wirklichen Leben. Eine Bilanz. Verlag Karl Alber, Freiburg i.Br. 2016. S.7.

[ii] Ebd., S.8.

[iii] Ebd., vgl. S.104.

[iv] Ebd., S.19.

[v] Ebd., S.170.

[vi] Ebd., S.225.

[vii] Ebd., S.368.