David P. Nichols (Ed.): Van Gogh among the Philosophers: Painting, Thinking, Being, Lexington Books, 2017

Van Gogh among the Philosophers: Painting, Thinking, Being Book Cover Van Gogh among the Philosophers: Painting, Thinking, Being
David P. Nichols (Ed.)
Lexington Books
2017
Hardback £70.00
270

Rolf Kühn: Begehren und Sinn. Grundlagen für eine phänomenologisch-tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Supervision

Begehren und Sinn. Grundlagen für eine phänomenologisch-tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Supervision. Book Cover Begehren und Sinn. Grundlagen für eine phänomenologisch-tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Supervision.
Seele, Existenz und Leben, Nr. 25
Rolf Kühn
Karl Alber
2015
Kartoniert
480

Rezension von: Damian Peikert (Heidelberg Universität)

Die Phänomenologie hat innerhalb der Psychiatrie eine lange Tradition – das Verhältnis der Phänomenologie und der Psychoanalyse ist dahingegen lange von einer vermeintlichen Unvereinbarkeit geprägt gewesen. Karl Jaspers, der die phänomenologische Methode in die Psychopathologie integrierte, erweiterte den Begriff der phänomenologischen Beschreibung um das Moment der Einfühlung. Dieses Zusammengehen der Methoden von Phänomenologie und Psychopathologie, kultiviert in der philosophischen Besinnung, richtet sich ganz auf das (An)Erkennen des Anderen. Ein Begriff von Therapie („Heilung“) beruht bei Jaspers immer schon auf der Praxis selbst, d.h. auf der Widerfahrnis des Einzelnen innerhalb der therapeutischen Beziehung. Jaspers verneinte so auch eine strikte Trennung von Theorie und Praxis: „Aus der Absicht der Heilung und den Erfahrungen, die erst durch die therapeutische Tätigkeit gemacht werden, läßt sich ein Entwurf der Psychopathologie gewinnen, der von vornherein die Erkenntnisse am praktischen Ziel orientiert, von ihm her bewertet und ordnet. Lehrbücher der Psychotherapie sind daher zum Teil solche der Psychopathologie.“ (Jaspers 1973, 661)

Rolf Kühn legt mit Begehren und Sinn eine Untersuchung vor, die sich aus der therapeutischen Praxis an die therapeutische Praxis richtet. Aus langjähriger Beschäftigung mit den Grenzgängen von Phänomenologie und Psychotherapie und einer tiefen Auseinandersetzung mit der Phänomenologie des Lebens, bietet Kühn ein Lehrbuch an, das sich der Ganzheit des Individuums und seinem Selbsterscheinen im Lebensvollzug widmet und so alle bestehenden und vermeintlichen disziplinären Grenzen ausschreitet. Die Grundlagen für eine phänomenologisch-tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und Supervision, die Kühn mit den Protagonisten Jaques Lacan und Michel Henry begründet, richten sich daher zuerst und zurecht an den angehenden Psychotherapeuten. Obwohl diese Grundlagen weit mehr weiterbildend denn als einführend präsentiert werden. Denn auch für Begehren und Sinn bildet Henrys Philosophie der „radikalen Lebensphänomenologie“, das leiblich sich individuierende Subjekt und die Begegnung der Individuen in ursprünglich affektiver Gemeinschaft (Mit-Pathos), Ausgang und Vorsatz.

Tatsache bleibt, dass beständig sich wandelnde Lebenswelten und der Pathos des Zusammenlebens Einzelner darin, einen ungeheuren Stoff ansammeln, den es dem Einzelnen zu vermitteln gilt, will dieser sich einer Wirklichkeit (d.i. das Wechselspiel von „psychischer Realität“ und Realitätsanforderung) und einem mündigen Ich („System des Ich“) darinnen vergewissern. Aus dieser Tatsache erwächst die Notwendigkeit der lebensphänomenologischen Einsicht, dass das Wesen von Gemeinschaft (von Beziehung) die Affektivität ist, dass Gemeinschaft in ihrem weitesten Sinne ein Mit-Pathos (Henry), ein Zwischen-uns (Nancy) ist, und dieser Affektivität ein Sinn für die Selbstvergewisserung des Einzelnen zukommt. Dieser Sinn liegt in der Begegnung im Mit-Pathos und an dieser Stelle in besonderem Maße in der therapeutischen Begegnung. Und ist die Selbstvergewisserung des Einzelnen schon durch die Lebensverkennung einer sich (vermeintlich) verkomplizierenden Lebenswelt erschwert, durch das Ausbleiben oder Misslingen der Affektion, so kommt in der Psychotherapie vornehmlich ein Existenz- und Lebensgefühl zur Sprache, in dem sich der Einzelne als schuld- bzw. schamhaft empfindet, sich selbst also Schuld am Versiegen des Mit-Pathos gibt (Kühn 2015, 10). An dieser Ambiguität der Selbstvergewisserung des Einzelnen und dem Zwischen-uns der Gemeinschaft wird die doppelte Aufgabe des Therapeuten deutlich, nicht nur Sorge um seine je eigene Vergewisserung zu tragen, sondern auch um die Wirklichkeit der Widerfahrnis des Anderen. Vor diesem Hintergrund erscheinen Kühns Grundlegungen, die ein leidendes Subjekt, als ein dezentriertes, als ein „Subjekt des Verschwindens“ (Lacan), als zerrissen durch die Anforderungen des Anderen begreift.

Der Titel Begehren und Sinn „verweist dabei auf eine doppelte Struktur, die in der bisherigen Tradition auch mit Trieb und Existenz bezeichnet wurde“ (Kühn 2015, 9). Die Umdeutung der freudschen Vokabeln in Begehren und Sinn erschließt sich einerseits erst durch seine Fundierung in einer phänomenologisch-tiefenpsychologischen Lesart, durch die der Autor eine nur (neo-)psychoanalytische oder nur existenzanalytische Untersuchung von Trieb und Existenz überschreitet, und andererseits durch die unmittelbare Reziprozität von Begehren und Sinn innerhalb einer „radikalen Leiblichkeit“, einer radikal leiblichen Subjektivität. Leib ist absolute Situiertheit des „Ich kann“ im Leben; Leib ist Handeln und Erleiden (Kühn 2015, 43ff.). Dieser Problembestimmung widmet sich Kühn in einer detaillierten und umfangreichen Einleitung. Der erste Teil klärt dem folgend die Vorannahmen und Ausdifferenzierungen und zeigt in nachvollziehbarem Dreischritt, (1) Radikale Leiblichkeit, (2) Ego, Affekt und Welt, (3) Trieb und Psychoanalyse, worin die Umdeutung ihre Berechtigung erfährt.

Der Begriff Sinn wird phänomenologisch von Seiten Edmund Husserls und Paul Ricoeurs, existenzanalytisch von Seiten Ludwig Binswangers und Viktor Frankls (Sinn wird gefunden, nicht gemacht) betreten. Der Begriff des Begehrens wird maßgeblich auf Lacans neu-freudianischem, strukturalistisch-linguistischen Verständnis von Begehren als Streben des Unbewussten aufgebaut. In diesem lacanschen Sinne entfaltet sich auch die doppelte Struktur des Begehrens selbst; teils taucht Begehren (mit der Sprache) durch den Anderen auf, teils ist es als Begehren von etwas anderem immer schon Teil des Ego. Es wird deutlich, dass die Lektüre voraussetzungsreich ist und für einen in beiden Disziplinen, Phänomenologie und Tiefenpsychologie, unbedarften Leser mit erheblicher methodischer und begrifflicher Arbeit verbunden ist.

Die radikale Leiblichkeit, das ist i.S. Kühns die Erneuerung des Denkens in und durch die immer schon leibliche Verfasstheit des Individuums, wird zum unbedingten gedanklichen Vorzeichen. Denn der Autor legt sie einem jeden subjektiven (Lebens)Vollzug zugrunde, nimmt eben ein „absolutes Situiertsein im Leben“ durch den Leib an und vermeint sogar die Unmöglichkeit, dass „Leiblichkeit – existentiell wie kulturell – jemals auf einen empirischen Körper reduziert werden kann“ (Kühn 2015, 43). Es ist die Unhintergehbarkeit der Subjektivität, die durch den subjektiven (oder immanenten) Leib epistemologisch begründet ist. So bleibt Begehren und Sinn ganz dem Lacanschen Programm verschrieben, ein Gefühl dafür zu bekommen, dass Wahrheit nie ganz ist, dass sie nicht für jeden wahr ist, dass sie nicht allgemein und nicht für alle gültig ist – Wahrheit daher nur teilhaft (da subjektiv, perspektivisch, partikular) ausgesagt werden kann. Aus diesem Grunde wird die therapeutische Beziehung, von der Neuen Phänomenologie herkommend, als eine vorübergehende gemeinsame Situation begriffen, darin sich zwei Einzelne zu einem sinnfälligen Ganzen verbinden, um in bestmöglich unverstellter Leiblichkeit (i.S. von Schmitz‘ Einleibung) eine unmittelbare Kommunikation, ein unmittelbares Erfahren zu gewährleisten.

Vor diesem gedanklichen Vorzeichen erscheint dann auch Kühns kritischer Blick auf die psychologischen Postulate Dysfunktionalität und Störung folgerichtig, rekurrieren diese doch auf ein „Normalverhalten“, welches sich selbst in doppelter Hinsicht als fragwürdige Konstruktion anzeigt: Erstens kennt ein pathisches Leibverständnis als immanent subjektive Modalisierung keine Normalverteilung von Normalität und Abnormalität; zweitens weist sich der Versuch einer Funktionalität des Individuums als Universalisierung einer „allgemeinen Natur“ des Menschseins aus bzw. einer installierten „äußeren Norm“. Beides muss als eine erste Fehltat an der eigenständigen existentiellen Verwirklichung des Individuums angesehen werden. Schlussendlich ist es dann auch diese Universalisierung einer äußeren Norm, einer allgemeinen Art des Menschseins, die im Sinne des Autors jene Symptome auslöst, die aus dem sich entfaltenden Subjekt ein leidendes Subjekt machen und es überhaupt erst in eine therapeutische Bedürftigkeit treiben. Kühn liefert daher eine umfangreiche Meditation der phänomenologischen Reduktion und der Epoché, um insbesondere das Ich/Mich, als ursprünglich auf Affekt/Sinn verwiesen, in den Blick zu bekommen. Es ist dies der zweite Teil, der in konsistenter Weise durch die Kapitel (4) Neo-Psychoanalyse Lacans, (5) Differenz und Immanenz in der Psychotherapie auf die (6) Konkretionen therapeutischer Praxis hinführt. In diesen Konkretionen werden die praktischen Implikationen für das Therapieziel „Heilung“ ausgearbeitet, ja geradezu angewendet. Im oben beschriebenen Sinne erscheint Begehren und Sinn als ein psychopathologischer Entwurf, obwohl es sich selbst nicht als solches anbietet und schlussendlich doch nicht als Psychopathologie gelesen und verstanden werden will.

Ein Begriff von „Heilung“ bezieht sich in Begehren und Sinn vornehmlich darauf, alle Potentialitäten subjektiven Lebens wiederherzustellen, d.h. die Autonomie der existentiellen Verwirklichung aus der eigenen Perspektivität (und ihrer Vitalität) zu ermöglichen. „Mit anderen Worten bedeutet dies eine ungehinderte Reziprozität zwischen Begehren und Sinn sowie Sinn und Begehren, so dass alle gegebenen Fähigkeiten eines Individuums zu einer Realisierung hinfinden, welche sowohl dem inneren Empfinden wie den äußeren Realitätsanforderungen entspricht“ (Kühn 2016, 340). Es ist eben dieses Gelingen des Wechselspiels zwischen unleugbaren Realitätsanforderungen und der Autonomie des Lebensvollzugs, das in die Formulierung des Therapiezieles einfließt. Es geht sicherlich einerseits um die Wiederherstellung von Autonomie in der Sinnfindung und Expression, andererseits geht es jedoch auch um die Richtigstellung des Verhältnisses zu einer vermeintlichen Realität bzw. der Beseitigung ihrer möglichen Verstellung. Die bewusste wie unbewusste Realität ist dabei gleichermaßen Gegenstand des Therapieverhältnisses. Man kann nicht umhin zu bemerken, thematisiert Begehren und Sinn auch dezidiert das therapeutische Verhältnis, dass dieser Gegenstand auch gleichermaßen Ziel und Grund der Selbsterforschung des Ich/Mich ist – der Therapeut macht seine eigene Psychologie zum Gegenstand bewusster Reflexion.

Wie Karl Jaspers immerzu betonte, sind Freiheit (Autonomie des Einzelnen) und Transzendenz nicht zu machen, sondern stets nur zu erfahren. Insofern müsse der gute Arzt (in unserem Sinne zurecht: der Therapeut), „unausweichlich“ Philosoph sein (Jaspers 1973, 674). Der Versuch Kühns, „radikale Phänomenologie und Tiefenpsychologie“ in der therapeutischen Praxis zusammenzuführen, gerät so zu einem psychopathologischen Entwurf (nämlich der Sinnfindung des Subjekts innerhalb seiner [absoluten] Ipseität) – der von vornherein die Erkenntnisse am praktischen Ziel orientiert, von ihm her bewertet und ordnet – auch und insbesondere wenn Kühn klarstellt, dass Therapie nicht Philosophie und Philosophie nicht Therapie wird.

Der Autor behält die geschilderte Absicht der „Heilung“ und der Unmittelbarkeit des Erfahrens in der therapeutischen Tätigkeit konsequent im Blick. Durch die so notwendige Versöhnung der (tiefen)psychologischen Praxis und der Phänomenologie, und durch den immer schon selbsttransformativen, in jedem Sinne an der Praxis orientierten Impetus ist man in vielfältiger Weise an Jaspers psychopathologisches Programm erinnert: Die Praxis des Arztes ist konkrete Philosophie. Der zuvorderst gestellten Einlassung Jaspers‘ – Lehrbücher der Psychotherapie sind daher zum Teil solche der Psychopathologie – verleiht Begehren und Sinn neue Aktualität. Die ausdrücklich weder nur interdisziplinär, nur komparatistische, nur parallel verfahrende Kritik Kühns sucht eine tiefere Gemeinsamkeit psychologischer und philosophischer Methoden auf, die den Anderen (vornehmlich als Patienten/Klienten) nicht aus dem Blick verliert und so tatsächliche Praxisrelevanz offeriert – an keiner Stelle der phänomenologischen/(tiefen)psychologischen Analyse, so Kühn, kann es um etwas anderes gehen als die „Erlebnisintensität“ des Anderen in seinem Leben.

Vor diesem Hintergrund des Wechselspiels von subjektiver Erlebnisintensität und therapeutischer Beziehung sind die Kapitel „Klinischer Blick“ (Kap. 5, 3) und „Konkretionen therapeutischer Praxis“ besonders zu beachten. Einerseits wird hier das Unterfangen „angehende Psychotherapeuten in ihrer Ausbildung und Supervision zu begleiten“ (Kühn 2015, 9) besonders greifbar, andererseits fällt in dieser Konkretion der Verlust durch Kühns hermetische Sprache besonders groß aus. Es ist mit Blick auf die Anschlussfähigkeit und Symbiose der zusammengeführten Methoden von herausragendem Interesse eine klare und verständliche Sprache zu sprechen. So dicht und reichhaltig Kühns Untersuchung ist, so ist ihre Sprache nicht minder dicht und bisweilen kaum zu durchdringen.

Auch bleibt das immer wieder aufkommende Moment einer ursprünglichen Selbstaffektion, einer absoluten Ipseität, i.S. einer immanenten Selbstbewegtheit kritisch zu befragen. Es ist eine bei der Lektüre wiederkehrende Frage, ob nicht doch der Andere und sein konstitutives Auftauchen für das Ich/Mich schlussendlich unterbestimmt bleibt. Zwar wird von einem Mit-Pathos und einem Zwischen-sein ausgegangen, doch bleibt Leben begriffen als „Sich-Offenbaren des ursprünglichen Lebens an sich selbst in seiner ausschließlichen Innerlichkeit“ (Kühn 2015, 324). Eingedenk der an anderer Stelle ausgeführten Konzeption von Narrativität als radikale Lebensphänomenologie (Kühn 2016), verbleibt Begehren und Sinn in dem zu hinterfragenden Begriff von Leben/Existenz als Selbstbewegtheit/Selbstaffektion: „Seine [des ursprünglichen Lebens, Vf.] Selbstbewegtheit als Prozess des Sich-Selbst-Übereignens im Sich-Selbst-Empfangen ist mithin das inner-narrative Wort des Lebens, sein Sich-offenbaren, welches wir als sein Sagen diesseits aller Dinge als unsere ständige Lebendigkeit selbst vernehmen.“ (Kühn 2015, 324)

Mit Begehren und Sinn erweitert Kühn den Pflichtkanon für den phänomenologisch-tiefenpsychologisch interessierten Therapeuten, gleich welcher Disziplin er auch angehören mag. Auch von einer Unvereinbarkeit von Psychoanalyse und Phänomenologie kann hernach nicht länger die Rede sein. Dem gesetzten Ziel, weder nur interdisziplinär, noch nur komparatistisch vorzugehen, wird der Autor mehr als gerecht und erinnert einmal mehr daran, dass der (Psycho)Therapeut keiner Schule angehören soll, aber alle Schulen dem (Psycho)Therapeuten. Man darf sagen, auch im Hinblick auf das Erscheinen in der Reihe Seele, Existenz und Leben, dass hier doch ein Lehrbuch vorliegt, welches nicht weniger als alle dieser drei Dimensionen zur Sprache bringt, indem es ihre Unauflöslichkeit in der Klärung „der prinzipiellen Grundlagen für einen existentiell wie gesellschaftlich immer wichtiger werdenden Erfahrungsbereich, wie ihn die Begegnung zwischen Patient und Therapeut darstellt,“ (Kühn 2016, 9) aufzeigt.

Jaspers, Karl: Allgemeine Psychopathologie. Für Studierende, Ärzte und Psychologen. 4. überarb. Auflage, Berlin/Heidelberg 1942/1946; 9. unveränderte Auflage, Heidelberg 1973.