Richard Schaeffler: Phänomenologie der Religion: Grundzüge ihrer Fragestellungen

Phänomenologie der Religion: Grundzüge ihrer Fragestellungen Book Cover Phänomenologie der Religion: Grundzüge ihrer Fragestellungen
Richard Schaeffler
Karl Alber
2018
Paperback 34,00 €
216

Reviewed by:  Thomas J. Spiegel (University of Potsdam)

Religion denken. Rezension zu Richard Schaeffler: Phänomenologie der Religion, Grundzüge ihrer Fragestellung

 

Ein zentraler methodologischer Widerstreit der kontemporären theoretischen Philosophie kann als einer zwischen Beschreibung und Erklärung verstanden werden (Leiter 2004, Rorty 2010). Dieser Widerstreit ist bekanntlich zunächst von Dilthey (1984), dann auch von Wittgenstein (2002) metatheoretisch in den Blick genommen worden. Philosophie als Erklärung insbesondere in Form des Naturalismus ist die derzeitige Orthodoxie in weiten Teilen der Philosophie, insbesondere der angelsächsischen Tradition, aber zunehmend auch im deutschsprachigen Raum, der sich allmählich formalen und inhaltlichen Standards der analytischen Philosophie anzupassen scheint. Philosophie als Beschreibung wird maßgeblich von den Traditionen der Phänomenologie und Hermeneutik vertreten; Traditionen, die (glücklicherweise) zwarlebendig sind,  aber im kontinentaleuropäischen Raum eben nicht mehr in der Form vorherrschen wie beispielsweise noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In diesem Sinne könnte man behaupten, dass Philosophie als Erklärung bereits „gewonnen“ habe oder sich auf dem „Siegeszug“ befinde. In diesem Spannungsfeld, das zentrale soziologische und metaphilosophische Aspekte berührt, sind detaillierte phänomenologische Studien wie Schaefflers Phänomenologie der Religion wertvoll, um ein Gegengewicht gegen eine relative Vormachtstellung des Naturalismus in (Teilen der) analytischen Philosophie zu entwickeln und Potentiale der Phänomenologie, i.e. Philosophie als Beschreibung, als Alternative zu verdeutlichen.

Das Ziel von Schaefflers Buch ist die Darstellung und Entwicklung der Phänomenologie in Anschluss an Husserl als geeignete Methode der Beschäftigung mit dem Phänomenon der Religion zur Beantwortung folgender Desiderate, die in der bisherigen Religionsphänomenologie laut Schaeffler unbeantwortet blieben: Die „‚Rückübersetzung‘ der Noemata (intentionalen Korrelate) in die Konstitutionsleistungen der religiösen Noesis (des religiösen Akts)“ (S. 32), die Herausarbeitung der Differenz des religiösen Aktes gegenüber anderen Akten, die Bestimmung der Bedeutung der religiösen Intersubjektivität gegen eine religiöse Individualität und die Ablehnung einer Überbetonung der Eigengesetzlichkeit der Religion, was Kritik an religiösen Formen verunmögliche. Schaeffler möchte diese Ansprüche durch eine exemplarische Entfaltung bestimmter Grundbegriffe der Religionsphänomenologie einholen. Die Entscheidung für die Phänomenologie gründet in der Überzeugung, dass die Religionsphilosophie der Religion nicht den „Selbst-Aussagen der Religion […] mit apriorischen Argumenten“ ins Wort zu fallen hat (S. 13). Zusätzlich zu dieser Setzung führt er folgende Gründe an (S. 32): erstens fängt Phänomenologie die Eigengesetzlichkeit der Religion ein und verhindert Reduktionismus; zweitens lässt Phänomenologie uns die Aspekte der religiösen Erfahrung aus dem religiösen Akt verstehen; drittens sorgt Phänomenologie für ein angemessenes Verständnis der Geschichte der Religion. Diese Potentiale sieht Schaeffler noch ungenutzt und erwirbt damit die Motivation zur Durchführung des Projekts. Dabei habe die phänomenologische Religionsphilosophie zugleich die kritische Aufgabe, „Fehlgestaltungen (Pseudomorphosen)“ (S. 14) religiösen Handelns aufzudecken und zu korrigieren. Das Richtmaß dieser Korrektur soll dabei jedoch der von der jeweiligen religiösen Praxis entnommene Standard sein.

Diese genannten Desiderate an eine Religionsphänomenologie sollen in diesem Buch geklärt werden. Im ersten Kapitel diskutiert Schaeffler mögliche methodologische Ausrichtungen der Religionsphilosophie: Philosophie als ‚Abkömmling‘ der Religion (i), religiöses Fragen als der Philosophie methodologisch vorgeordnet (ii), Religionsphilosophie auf Basis philosophischer Theologie (iii), transzendentale Theologie (iv), religionsphilosophische Phänomenologie (v) und der linguistic turn in der Religionsphilosophie (vi). Aus schon genannten Gründen entscheidet sich Schaeffler für die religionsphilosophisch-phänomenologische Methode.

Es ist leider den Kapiteln nicht je ein Desiderat zugeordnet. Es scheint, dass Schaeffler hofft, dass nach dem Durchgang des Buches von selbst deutlich wird, wie diese Desiderate zu den Teilen der phänomenologischen Darlegung passen. Hier wünscht man sich als Leser eine klarere Regieanweisung seitens Schaeffler, aus der deutlich wird, welche phänomenologischen Darstellungen für welches Desiderat tatsächlich relevant sind. In diesem Sinne ist es gut, dass Forschungsdesiderate klar benannt werden – nur die positive Lösung für diese Desiderate kann unklar bleiben.

Kapitel zwei bis vier handeln von verschiedenen Aspekten des religiösen Aktes. Das zweite Kapitel widmet sich der Eigenheit der religiösen Sprache als Teil des religiösen Akts, das dritte Kapitel widmet sich dem religiösen Kult als Einbettung des religiösen Akts, das vierte Kapitel widmet sich den Traditionen, in denen die Formen des religiösen Akts überliefert werden.Schaeffler betont hier zu recht, dass die Fähigkeit zum religiösen Akt nicht angeboren ist, sondern stets die Erlernung durch das Sich-Einordnen in eine vorhandene Tradition benötigt. Das fünfte Kapitel unternimmt die Überlegung, wie der Begriff Gottes (bzw. der Götter) ein Thema der Religionsphilosophie in phänomenologischer Hinsicht sein kann. Zu diesem Zweck stellt das Kapitel drei Denkweisen in Bezug auf Gott einander gegenüber: die Götter der Religionen, der Gott der Philosophen und den Gott der Bibel. Ziel dieser Gegenüberstellung ist es, das Verhältnis von religiösen Akten und religiösen Gegenständen zu verdeutlichen: Gegenstand („Korrelat“, S. 142) des religiösen Aktes ist Gott (bzw. Götter). Den Begriff Gottes (bzw. der Götter) will Schaeffler dabei aus der Religion als Phänomen selbst gewinnen und nicht ex cathedra im Sinne einer philosophischen Theologie entwickeln. Auf das fünfte Kapitel folgt ein Ausblick in Form einer Reflexion auf das Verhältnis von Religion und säkularer Vernunft. (Der Inhalt des Ausblicks ist weiter unten ausführlich behandelt.)

In nuce: Der Anfang des Buches stellt eine interessante Reflexion auf Methode und Sinn der Phänomenologie dar. Der Mittelteil – der Hauptteil des Buches – ist die konkrete Anwendung dieser Methode in Form eines phänomenologischen Flugs über die begriffliche Landschaft der Religion. Der Schluss – der Ausblick – fragt nach dem Verhältnis von Religion und säkularer Vernunft. Wie bei vielen philosophischen Werken geschieht die wichtigste Arbeit auch hier am Anfang und am Schluss der Darstellung. Im Folgenden beschränke ich mich daher in der kritischen Auseinandersetzung auf vier zentrale Punkte, die sich maßgeblich mit Anfang und Schluss von Schaefflers Monographie beschäftigen.

  1. Naturalisierung der Religion als Methode

Schaefflers Auseinandersetzung mit konkurrierenden methodologischen Ansätzen der Religionsphilosophie ist zumindest in der Darstellung und Kritik der reduktionistischen Strömungen zu kurz. Ein seit spätestens der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zentral gewordener Topos im Nachdenken über die Religion besteht in naturalisierenden, i.e. reduktionistischen, Erklärungsstrategien. Diese Naturalisierungsstrategien kommen in bestimmten Formen daher. Zwei paradigmatische Ausformungen dieser naturalistischen Reduktionsind folgende: einmal solche, die das Phänomenon der Religion in einem weitgehend darwinistisch-evolutionstheoretischen Rahmen begreifen, wonach Religion vor allem ein selektionsrelevanter Faktor sei. Zweitens gibt es solche, die Religion und Glaube als nützliche Fiktionen psychologisieren wollen. Religion wäre dann nichts anderes mehr als eine evolutionsbiologische Laune bzw. bloße psychologische Einbildung.

Schaeffler lehnt zwar die Reduktion der Religion zugunsten ihrer Eigengesetzlichkeit ab (S. 32), es wird jedoch nicht klar, weshalb. Die Frage nach dieser sogenannten Eigengesetzlichkeit der Religion ist somit zugleich die Frage, weshalb die Religion zunächst stets an ihren eigenen und nicht ihr äußerlichen Maßstäben gemessen werden sollte (S. 141). Zwar mögen die konkurrierenden naturalistischen Ansätze selbst nichtbesonders sinnvoll oder überzeugend sind.Dennoch könnte Schaefflers Abhandlung durch eine Beschäftigung mit diesen Denktraditionen und einer detaillierteren Kritik an naturalistischen Ansätzen profitieren. Die fehlende Auseinandersetzung mit theoretischen Erz-Opponenten schmälert Schaefflers ansonsten sehr klare und lohnenswerte methodologische Abhandlung. In diesem Sinn erhält eine unbegründete Ablehnung des Reduktionismus, sollte sie auch korrekt sein, einen unnötigen dogmatistischen Beigeschmack. Daher wäre gerade für das erste Kapitel noch die Beschäftigung mit Naturalisierungsstrategien als weitere, siebte Methode der Religionsphilosophie interessant.

  1. Forschungsliteratur

Der vorherige Punkt deutet auf ein allgemeineres Problem hin: das Literaturverzeichnis und die Referenzen. Schaefflers Buch ist von einer beeindruckenden Kenntnis religiöser Primärtexte gekennzeichnet. Jedoch bezieht Schaeffler sich größtenteils auf ältere Forschungsliteratur. Die jüngste Publikation, die er nennt, ist eine Monographie von Hermann Usener von 1996 (Schaefflers eigene Texte ausgenommen); die nächst-jüngere ist eine Monographie von Ingolf Dalfert von 1984. Nun ist es freilich nicht so, dass der Bezug auf aktuelle Forschungsliteratur ein Garant für Qualität ist. Es stimmt auch nicht, dass der fehlende Bezug auf solche Literatur einen Gedanken falsch oder eine Abhandlung schlechtmacht. Es ist jedoch der Fall, dass Schaefflers Darstellung und Argument für die Phänomenologie als rechte Methode der Religionsphilosophie durch einen breiter gefächerten Bezug auf Forschungsliteratur weiter an Überzeugungskraft gewinnen würde. Im Mindesten könnten solche Referenzen es für den geneigten Leser einfacher machen, Schaefflers Ausführungen in die derzeitige Forschungslandschaft und Debattenstruktur einzubetten.

Verwandt mit diesem Ausbleiben ist auch das Fehlen anderer phänomenologischer Autoren. Husserl ist der phänomenologische Held dieses Buches – Schaeffler stellt seine Abhandlung an mehreren Stellen durch direkten Bezug auf Husserls Vokabular in diese Tradition. Eine Beschäftigung mit weiteren großen Figuren der Phänomenologie wie Heidegger oder Merleau-Pontywäre hier jedoch auch interessant. Insbesondere die Frage, inwiefern Heideggers Transformation der Phänomenologie in Sein und Zeit, speziell durch den Begriff des Mitseins, nicht schon Schaefflers Kritik eingeholt hat, dass die Phänomenologie Husserls zur Individualisierung der Erfahrung neigt, welche er in seiner eigenen Abhandlung vermeiden möchte (S. 33). In diesem Punkt zumindest scheint die Phänomenologie teilweise schon weiter entwickelt zu sein als Schaeffler suggeriert.

  1. Religionsphilosophie und Religionswissenschaften

Da es nicht Gegenstand von Schaefflers Erklärungsziel ist, lässt sich folgender Punkt nicht direkt als Kritik verstehen, sondern eher als angeregte Nachfragen im Anschluss an seine Ausführungen. Es stellt sich die Frage, wie in Anschluss an Schaeffler das Verhältnis von empirischer Religionswissenschaft (und Ethnologie) und phänomenologischer Religionsphilosophie zu denken ist. Eine zentrale Gefahr scheint mir hier in einem Abgrenzungsproblem zu bestehen. Empirische Religionswissenschaft, zumindest die hermeneutisch geprägte, priorisiert nämlich allzu oft die Eigengesetzlichkeit und Nicht-Reduzierbarkeit der von ihr untersuchten Phänomene. Dies ist aber ein zentrales Merkmal, das Schaeffler für die Religionsphilosophie beansprucht. Nun ist es nicht ganz eindeutig, obes als Abgrenzungskriterium genügt zu behaupten, dass empirische Religionswissenschaft einzelne Religionen oder religiöse Praktiken untersucht und die phänomenologische Religionsphilosophie die allgemeinen Begriffe solcher Praktiken. Zumindest besteht die Gefahr, dass sich Religionswissenschaft hermeneutischer Prägung und Religionsphänomenologie zu ähnlich werden. Soll stattdessen die „Magd“ Religionswissenschaft der Religionsphilosophie Zuarbeit leisten (oder andersherum)? Soll die Religionsphilosophie im Sinn eines methodologischen Fundamentalismus den Religionswissenschaften ein begriffliches Vorverständnis liefern? Solche Fragen wären in Anschluss an Schaeffler zu klären.

  1. Transzendentale Vernunftpostulate – Das Projekt einer profanen Vernunft

Direkt auf das fünfte Kapitel, das sich noch mit dem Begriff Gottes als Thema der Religionsphilosophie befasst, folgt etwas unvermittelt Schaefflers Ausblick. Dieser Ausblick enthält vier Thesen und ist mit zwei Seiten vergleichsweise kurz geraten. Dennoch finden sich in diesem Ausblick die wahrscheinlich spannendsten philosophischen Punkte des gesamten Buchs. Im Folgenden werde ich Schaefflers stark kondensierten Projektentwurf rekonstruieren und im Ansatz kritisch einschränken.

Im Ausblick geht es Schaeffler um die Frage nach dem rechten Verhältnis von Religion und säkularer Vernunft in der Moderne, also um Religion als gelebte Praxis im Zeitalter des naturwissenschaftlichen Weltbilds, in dem Gott (wie man so meint) „tot“ sei (Nietzsche 1971, §108, §125). Ihm scheint es in der ersten These zunächst noch um eine Einschränkung der Religion gegenüber der säkularen Vernunft zu gehen: religiöse Argumente haben nicht in jedem Bereich Geltungskraft.

In Thesen zwei bis vier stellt Schaeffler nichts Geringeres als die ambitionierte These auf, dass die transzendentale Bedingung für Einzelerfahrung überhaupt in sog. Vernunftpostulaten besteht. Diese Vernunftpostulate „entdecken“ in den Einzelerfahrungen den Anspruch, mit dem „Gott uns seine Aufträge (‚Gebote‘) anvertraut“ (S. 209). Diese Vernunftpostulate haben den Status einer „in transzendentaler Hinsicht notwendige[n] Hoffnung: die Hoffnung, dass die Vernunft im Durchgang durch ihre Dialektik in verwandelter Gestalt [nämlich zur profanen Vernunft, TJS] wiederhergestellt werde, ohne dass die Art dieser Wiederherstellung aus Prinzipien a priori deduziert werden könnte“ (S. 210). In diesem Kontext wählt Schaeffler die an Kant (1911) angelehnte Formulierung: Postulate ohne religiöse Erfahrung sind leer; religiöse Erfahrung ohne Postulate ist blind. Die religiöse Erfahrung sichere, dass diese Vernunftpostulate kein bloßes Wunschdenken seien (denn sie seien ja mit religiöser Erfahrung unterfüttert). Im Gegenzug sicherten die religiösen Vernunftpostulate der religiösen Erfahrung eine Allgemeinheit, die sie von dem Verdacht, Teil einer „‚religiösen Sonderwelt‘ einer ‚Sondergruppe in der Gesellschaft‘“ zu sein,freisprechen soll (S. 210).

Diese Vernunftpostulate sind laut Schaeffler notwendig, da sich die säkulare Vernunft ohne sie in eine Dialektik aus Dogmatismus und Skeptizismus verheddere, welche in letzter Instanz die Vernunft selbst aufhöbe. Dabei bestehe der Dogmatismus in einem Dogmatismus der Wissenschaft, also einem Szientismus (nicht Schaefflers Wort), der nur die (Natur-)Wissenschaft als genuinen Weltzugang zulässt, und der Skeptizismus in einem Skeptizismus, der „jede Art von Geltungsanspruch auf die willkürliche Wahl einer unter mehreren möglichen Perspektiven erklärt“ (S. 209). Somit geht es Schaeffler hier doch darum, im Fluchtpunkt nachzuweisen, dass säkulare, i.e. nicht-religiöse, Vernunft die religiöse Vernunft und damit scheinbar den Verweis auf Transzendentes doch zur notwendigen Vorbedingung hat. Die säkulare Vernunft werde damit zur profanen Vernunft, die in der Erfahrung den Gott der Religionen wiedererkennt. Die Idee scheint zu sein, dass richtig verstandene transzendentale Phänomenologie das Verhältnis von naturwissenschaftlich-technischen Zivilisation (Tetens 2014) und der Religion neu auszurichten vermag als eine Form des nicht-reduktiven Nebenhers, bei der die religiöse Vernunft als transzendentale Notwendigkeit für alle Bereiche der Erfahrung verstanden wird.

Dieses Projekt ist in der Tat hochgradig interessant. Es ist daher umso mehr schade, dass uns Schaeffler nicht mehr Einzelheiten bereitstellt, sondern uns nur diese Denkanstöße zur eigenen Ausführung an die Hand gibt. In diesen sehr kurzen Überlegungen bleiben nämlich notwendigerweise zentrale Punkte unklar. Es bleibt beispielsweise unklar, weshalb genau die nicht-religiöse Vernunft sich in die Dialektik (oder meint Schaeffler eher „das Dilemma“?) von Dogmatismus und Skeptizismus verwickelt. Darüber hinaus wird es ohne eine Art Meisterargument für nicht schon Überzeugte nur schwierig einzusehen sein, wie eine profane Vernunft in der gewöhnlichen Erfahrung Gott zu erkennen vermag. Muss der Schritt in den Glauben erst vollzogen worden sein, um von der säkularen in die profane Vernunft überzutreten? Lässt sich dieser Schritt selbst allein durch die Vernunft vollziehen oder brauch es einen Kierkegaardschen Sprung in den Glauben? An dieser Stelle ist schon unklar, welche Art von Argument es zur Begründung von Schaefflers ambitionierter These bräuchte. Das ändert jedoch nichts daran, dass dieser Ausblick tatsächlich Grundlage für ein spannendes Anschlussprojekt sein kann.

Schaefflers Abhandlung demonstriert einen gewaltigen Kenntnisschatz, der sich im Laufe einer langen Karriere angesammelt hat. Das Buch liefert eine übersichtliche, nachvollziehbare und lehrreiche phänomenologische Kartographierung zentraler Grundbegriffe des Phänomens Religion. Diese Kartographierung der Grundbegriffe der Religionsphilosophie hat hier vor allem einen wichtigen exemplarischen Charakter. Anhand dieses Buches lässt sich ablesen, wie die phänomenologische Methode angewandt auf einen konkreten Begriffsbereich aussehen kann. Das Exemplum regt zum Nachmachen an. Es ist in seiner Nachvollziehbarkeit und methodologischen Grundsätzlichkeit für Studierende der Philosophie, Religionswissenschaft und Theologie geeignet, kann aber durchaus auch von Fachexperten dieser mit Gewinn gelesen werden.

Zusammenfassend: Schaefflers Überlegung krankt an fehlender Ausführlichkeit und Tiefe in der Auseinandersetzung mit konkurrierenden Positionen. Das führt unter anderem dazu, dass die phänomenologische Ausführung des Projekts in Kapitel zwei bis fünf teils im luftleeren Raum zu schweben scheinen und eben bloß als Exemplum der Anwendung der phänomenologischen Methode verstanden werden können, ihr Beitrag zur genuin philosophischen Debatte nicht ganz klar erkennbar ist. Ebenso bleibt das im Ausblick angelegte sehr interessante Projekt der Darlegung einer transzendentalen Grundlegung der säkularen Vernunft durch die religiöse Vernunft unkonturiert insofern nicht klar ist, welche Form ein solches Projekt nehmen könnte. Trotz dieser Defizite ist Schaefflers Phänomenologie der Religion gerade im eingangs skizzierten Widerstreit zwischen Philosophie als Erklärung versus Philosophie als Beschreibung ein wertvoller Beitrag zur Bildung eines Gegengewichts gegen eine Orthodoxie der Erklärungs-Philosophie im kontemporären intellektuellen Klima.

Literaturverzeichnis

Dilthey, Wilhelm (1984): Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Heidegger, Martin (2006): Sein und Zeit, zuerst veröffentlicht 1927, Tübingen: Niemeyer.

Hegel, G.W.F. (1980): Phänomenologie des Geistes, Gesammelte Werke Bd. 9. Hg. Rheinisch-Westfälische Akademie der Wissenschaften, Hamburg: Felix Meiner.

Kant, Immanuel (1911): Kritik der reinen Vernunft, Akademieausgabe, Bd. 3, Erstpublikation 1787, Berlin: Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften.

Leiter, Brian (2004) (ed.): The Future for Philosophy, Oxford: University Press.

Nietzsche, Friedrich (1971): Die Fröhliche Wissenschaft, Werke, Bd. 2, Frankfurt.

Rorty, Richard (2010): “Naturalism and Quietism”, in Mario De Caro & David Macarthur (eds.), Naturalism and Normativity, Columbia University Press, 55-68.

Schaeffler, Richard (2018): Phänomenologie der Religion, Grundzüge ihrer Fragestellung, Freiburg/München: Karl Alber Verlag.

Tetens, Holm (2014): “Der Glaube an die Wissenschaft und der methodische Atheismus. Zur religiösen Dialektik der wissenschaftlich-technischen Zivilisation”, Neue Zeitschrift für systematische Theologie und Religionsphilosophie 55 (3),271-283.

Wittgenstein, Ludwig (2002): Philosophische Untersuchungen, Werkausgabe, Bd. 1, Frankfurt am Main: Suhrkamp.

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